Kleiner Test für normale Freizeit-Radfahrer: Das Pedelec / E-Bike NCM Moscow

Wenn ich in diesem Artikel „E-Bike“ schreibe, dann meine ich in aller Regel ein Pedelec. Mir war das gar nicht bewusst, dass es da die definierte Abgrenzung gibt und es sich bis zur Unterstützung bis 25km/h um ein Pedelec handelt (zulassungsfrei), bei einer Unterstützung ohne Pedalbewegung (z.B. Daumengas) und/oder über 25km/h um ein E-Bike (das dann zulassungspflichtig ist). In meinem Sprachgebrauch heißt das Ding aber immer E-Bike, also kann es gut sein, dass ich das auch so im Text verwende.

Das Internet und Fahrradläden sind voll mit Angeboten von Pedelecs, einige davon sogar auch noch günstig (wobei das eher auf das Internet und weniger auf den Fahrradladen zutrifft) und ich frage mich schon lange, ob die günstigen Räder tatsächlich so schlecht sind, wie „alle“ immer sagen. Wobei ich die Klasse um die 1.000€ immer noch nicht für richtig „günstig“ halte, aber das sei mal so dahin gestellt.

„Damit kannst Du nicht fahren, billige Komponenten verbaut, schwere Federgabel, mechanische (!) Scheibenbremsen, da haste keinen Spass mit!“

Vergleiche ich mal ein paar frühere Autos von mir – nehmen wir mal einen 7er BMW und einen Polo – dann lasse ich mich ja auch nicht zu Aussagen hinreißen wie „der Polo ist zwar günstig, hat aber nur billige Komponenten verbaut und nicht mal ein adaptives Fahrwerk. Außerdem steht er bei einer Vollbremsung erst 5m nach dem BMW – lebensgefährlich!“. Beide Autos haben ihre Berechtigung und reichen für ihre Anforderungen aus. Und ob ich jetzt ein Fahrzeug der Oberklasse und einem 6stelligen Neupreis mit einem Kleinwagen im unteren 5stelligen Bereich vergleiche oder ein E-Bike für 1.000€ (was damit übrigens immer noch mehr kostet, als der Polo damals) mit einem für 5.000€ ist meines Erachtens fast genau das gleiche. Natürlich darf man auch das nicht genau so stehen lassen, weil ich problemlos ein Billig-E-Bike kaufen kann, das mit Komponenten gebaut wurde, die dem Blick deutschen TÜV niemals standhalten würden. Der günstige Kleinwagen ist für sich genommen erst mal sicher, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bremsleitung bei einem Polo platzt ist wohl ungleich niedriger, als ein gerissener Zug beim China-Bike. Insofern vielleicht etwas weit hergeholt der Vergleich und dennoch war die Frage, die sich mir stellte: Würde für mich, der ein Fahrrad mehr als notwendiges Übel denn als Sportgerät ansieht, nicht eines der günstigen Sorte ausreichen? Und vielleicht sogar trotzdem Spass machen? Mal zum Bäcker, mal zur Post, mit dem Kinderanhänger eine Runde drehen, ganz egal, ob die Runde mit einem 30er- oder 15er-Schnitt gefahren wird? Normale Straßen, Feld- und Wiesenwege? Kein Downhill, kein Rumgehüpfe, keinen hochalpinen Gletschereinsatz? Ganz normal einfach?

Das Internet schweigt sich hierzu ein bisschen aus bzw. kommen auf jeden Billigfahrer gleich drei andere, die betonen, dass man mindestens das Doppelte ausgeben oder noch mal viel reinstecken müsste, damit es fahrbar wird. Der Fahrradladen um die Ecke sagt ganz klar „Nein, das taugt nichts, aber hier, schauen Sie mal, da hab ich was, nur 2.500€ gebraucht!“ – jeder will natürlich dran verdienen, logisch. Also bleibt mir nur eines: Ich muss eines kaufen und selbst ein Bild machen! Im schlimmsten Fall verliere ich die Rücksendeversandkosten, die zwar bei einem schweren Rad nicht ganz günstig sind, das Risiko ist aber tragbar.

Ich hatte viel recherchiert und schwankte teilweise zwischen Umbausätzen für das Vorderrad, billigsten Rädern in Klapprad-Größe (Überlegung war hier, dass man das stressfrei z.B. beim Campen dabei hat), selbst zusammengestellten Komponenten aus China und mittelpreisigen Markenrädern. Gegen den Umbausatz sprach dann irgendwann, dass ich mein altes Fahrrad (das ich nie genutzt hatte) verkaufte, gegen die Klappradklasse, dass die fast ausnahmslos hässlich sind. Gegen die mittelpreisigen im Sektor 1.000 bis 2.000 Euro sprach, dass die Bewertungen und Tests eher noch durchwachsener waren, als dies bei der Klasse bis 1.000 Euro der Fall ist. Vermutlich schwingt bei 2.000 Euro die Erwartung mit, etwas richtig gutes gekauft zu haben.

Bei der Recherche von günstigen E-Bikes stolpert man fast zwangsläufig irgendwann über NCM – meist im Verkauf durch Leon Cycle und vertrieben über Amazon und Ebay. Die NCM-Räder müssen sich vorwerfen lassen, dass sie wohl auch „billige“ Komponenten verbaut haben, allerdings lese ich hier überwiegend „Shimano“ und halte das dann auch noch in einer günstigen Variante für gute Qualität (ich hatte in der Vergangenheit ein BMW Cruise Bike, was wunderschön designt war und ebenfalls die günstigste Shimano-Linie verbaut hatte – auch dieses wurde von „Profis“ belächelt). Nachdem NCM in der engeren Auswahl war, dauerte es noch mal ein paar Tage, bis feststand: Es soll das NCM Moscow in 27.5 Zoll werden. Das vom gleichen Hersteller zu noch mal etwas günstigerem Preis angebotene NCM Prague gefiel mir auch gut, es sollte dann aber das Moscow werden. Dieses Rad gibt es in Größen von 26 (?) bis 29 Zoll und in zwei Motor-/Akkuvarianten mit 36V und 48V. Aufgrund meiner geringen Anforderung entschied ich mich für den kleinen Motor, der insgesamt etwa 150 Euro günstiger kommt, als der große (dessen Akku dann allerdings auch deutlich mehr Reichweite ermöglicht). Bestellpreis beim Amazon lag deshalb genau bei 1.049€ inkl. Versand. Die vorherige Beobachtung der Preisentwicklung zeigt, dass das Rad auch mal zum halben Preis angeboten wird – dann allerdings nicht vom original Händler und wenn man die Bewertungen liest wird schnell klar, dass es sich dabei um Betrüger handelt, die getrennt von Amazon Vorkasserechnungen schicken. Das Rad wird in diesen Fällen wohl eher nicht ankommen.

Also bestellt. Nur wenige Stunden später die Versandmeldung des Verkäufers, was in dem Fall nicht selbstverständlich ist, weil der Versand nicht via Amazon passiert, sondern eben direkt über den Hersteller. Zwei Tage nach Bestellung liefert Hermes einen recht riesigen Karton ab – bei der Nachbarin. Wie immer, wenn etwas richtig Sperriges kommt. Ein Glück ist mir die Nachbarin wohlgesonnen und ich darf mein 30-Kilo-Paket später mit in die Garage nehmen.

Als allererstes wird nun der Akku und das Ladegerät gesucht, um diesen während des Zusammenbaus schon mal zu laden. Ich werde in zwei kleinen Kartons fündig und neben Akku, Ladegerät, Anleitung, einer Achse für das Vorderrad und den Pedalen, purzeln auch noch ein paar Werkzeuge mit heraus.

Sehr schön. Kurz ein Blick in die Anleitung und den Akku ans Ladegerät angeschlossen.

Große Enttäuschung: Der ist schon geladen! Also keine Ausrede, um die nächsten 6 Stunden mit Wartezeit zu vertrödeln und direkt weiter zum zweiten Punkt und wieder in die Garage.

Das Pedelec muss nun aus dem Karton und von Polstermaterial befreit werden.

Mit Hilfe eines mitgelieferten Inbus wird die Abdeckung des Lenkkopfes abgeschraubt und die weiße Plastikhülse darunter entfernt. Lenker drauf, Schrauben festziehen (die soeben entfernte und je links und rechts eine), fertig. Die Anbauteile des Lenkers, wie Klingel (ja, ist dabei!), Display und Reflektor wackeln noch ein wenig und müssen auch festgezogen werden. Dann geht es an das Vorderrad. Achse durchstecken, Bremsscheibe in den Bremssattel schieben, Rad per Schnellspanner befestigen. Jetzt noch schnell den Sattel ins Rohr und schon steht das Rad fertig vor einem. Das ging schnell!

Achse durch das..

..Rad stecken..

..Lenker festziehen..

..Anbauteile prüfen..

Fertig!

 

L6B

Als Display ist ein sog. L6B verbaut. Damit hatte ich mich vorher Null-Komma-Null beschäftigt, wobei es da wohl eine riesige Szene gibt, die ihr Pedelec auf E-Bike Niveau heben und mithilfe des richtigen Displays die maximale Unterstützungsgeschwindigkeit auf etwa 37 km/h bringen oder sogar Dinge wie ein Daumengas nachrüsten. Das ist dann natürlich im Straßenverkehr nicht mehr zulässig und nur auf Privatgrundstücken erlaubt. Vielleicht befasse ich mich da in der Zukunft noch mal damit, jetzt geht es aber erst mal an eine Probefahrt.

Ein Druck auf die Taste „M“ schaltet das Display und damit auch das Pedelec ein. Danach ein langer Drucker auf die Minus-Taste und die Beleuchtung des Displays wird angeschaltet. Jetzt aus der Einfahrt rollen. Ein langer Druck auf die Plus-Taste aktiviert die sogenannte Anfahrhilfe und das Rad rollt auf der Ebene los. Im Vorfeld hatte ich mir ausgemalt, durch den ständigen Druck auf die Taste dann eine Art händisches Gaspedal zu haben und mich damit dann stressfrei über die Berge ziehen zu lassen. Das geht nicht ;). Die Anfahrhilfe ist bis 6 km/h legal, diese 6km/h werden aber niemals erreicht (selbst auf der Ebene). Man kann sich die Geschwindigkeit so vorstellen, dass sie gerade ausreicht, dass ich als ungeübter Fahrer nicht umfalle – ist also wirklich nur zum Losrollen für ein, zwei Sekunden gedacht.

Egal, jetzt fahren wir. Ohne Unterstützung fährt sich das Rad nicht ganz übel. Das hohe Gewicht merke ich auf der Ebene nicht, wobei ich auch in der Beziehung nicht verwöhnt bin und eher Stahl als Alu gewohnt war. Eher die groben Reifen sind eine Umstellung zum direkten Vorgänger-Rad, das eben eines der Gattung „Trekking“ war und deutlich feineres Profil aufwies. Druck auf „+“, im Display wechselt die Anzeige auf Unterstützungsstufe 1, eine halbe Umrundung der Pedale aktiviert den Motor. Meines Erachtens sehr vorsichtig, nichts von einer Ruppigkeit zu spüren, die oft bemängelt wird. Ich schalte die Unterstützungsstufen langsam der Reihe nach hoch. Tatsächlich ist es ein wenig ungewohnt, wenn man gerade auf der Anliegerstraße wendet und wie gewohnt noch in Kurvenlage anfängt, leicht in die Pedale zu treten. In der eingestellten Stufe 6 zieht das Rad dann doch sehr spontan weg und man hat Schwierigkeiten, die Kurve wieder zu verlassen. Aber schon zwei Runden später hat man sich daran gewöhnt, ist also alles kein Beinbruch.

Nach dem Austesten der Höchstgeschwindigkeit in der Ebene (die mühelos erreicht wird) geht es an den Berg. Und das Gefühl ist wunderbar. Völlig ungewohnt zwar, weil man den Berg zuvor nur mit großer Anstrengung hochgekommen ist und jetzt fast rollt. Ein Schalten scheint völlig überflüssig.

Nächster Test: 60km am Stück. Eine Strecke, die ich sonst niemals mit einem Fahrrad angegangen wäre (ja, ich weiß, die Radler lachen da, aber mir wäre die Lust schon nach 10km vergangen). Das Geländeprofil bietet alles, der Untergrund reicht von Straße bis Waldweg – alles wird problemlos gemeistert. Nach 3 Stunden (inkl. Foto-Pausen) bin ich wieder Zuhause. Ein tolles Rad! Wohl muss man vielleicht im Vergleich zu teureren Abstriche machen – so hat sich einmal die Kette etwas verheddert, weil ich zu schnell am Berg nach unten geschaltet hab (was dank Motor gar nicht nötig gewesen wäre) und den Motor hört man bei voller Unterstützung durch ein leises Surren (man kann also nicht so tun, als wäre man einfach top trainiert, wenn man am Berg einen Rennradfahrer überholt), sonst aber alles über meinen Erwartungen!

Auch Tage später spüre ich meine Oberschenkel aber trotzdem noch. Auch, wenn ich bei den 60km nicht einmal ins Schwitzen kam oder mich anstrengen musste, scheint man die ungewohnte Bewegung wohl zu merken. Man muss aber auch dazu sagen, dass 60km in etwa die Strecke ist, die ich insgesamt in den letzten 10 Jahren gefahren bin ;)

UPDATE: Fazit nach knapp 6 Wochen: Ich würde das NCM Moscow wieder kaufen! Jetzt wird es im Urlaub noch mal ausgiebig ausprobiert.

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2 Antworten

  1. Bullfrog sagt:

    Ich kann den wirklich tollen Bericht nur 100´ig bestätigen!!!

  1. 8. Juli 2017

    […] Ich hatte mich für ein NCM Moscow mit 36V/250W-Motor entschieden und bin bisher sehr zufrieden. (Hier der erste Beitrag) Die Berechnung erfolgt, ohne Wartung, Verschleiß, Kaufpreis, Ladevolumen und Fahrkomfort zu […]

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