On this seat you cannot sleep, read or eat

..sagt der Steward in der kleinen, fast leeren, McDonnell Douglas MD-83 der Airline InselAir mit einem solchen Nachdruck in Stimme und Augen, wie wir das bisher noch nicht erlebt haben. Wir sitzen am Notausgang über den Tragflächen und haben im Ernstfall die Verantwortung, die Tür zu entriegeln und ins Wasser zu werfen. Der Steward sagt das nicht so, wie es einem ein Sicherheitsvideo beim Transatlantikflug einer großen Airline fröhlich und bunt erklärt (in the – I’ll be honest to you – very, not to say ‚very very‘ unlikely case of an emergency, you put on your comfortable lifejacket, open the door, slide into the warm caribbean sea and wait for help), sondern so, als wäre es dieses Mal wirklich wichtig und überhaupt nicht ‚unlikely‘, dass wir auf der Wasseroberfläche aufschlagen.

Wir befinden uns auf St. Maarten, genauer auf dem Rollfeld des Princess Juliana International Airport. Den kennt jeder – das ist der Flugplatz, bei dem die landenden Flugzeuge nur ein paar Meter über dem Strand anfliegen – und dieser Strand ist auch genau der einzige Grund, warum wir uns jetzt hier befinden und nicht schon auf Curacao, dem eigentlichen Ziel der Reise. Wir warten jetzt dringend auf den Start des Fluges dorthin, der sich mittlerweile eine knappe Stunde verspätet hat. Laut Statistik hat es diese karibische Airline mit ihren kleinen Fliegern seit Bestehen in 43% aller Flüge geschafft, pünktlich zu sein. 18% aller Flüge haben nur 30 Minuten Verspätung, 37% der Flüge über 45 Minuten. Was mit den restlichen 2% ist, weiß ich nicht (vermutlich zwischen 30 und 45 Minuten) und auch die anderen Zahlen kenne ich nur, weil es auf dem Princess Juliana Airport kostenloses Wifi gibt und ich eine Zeitspanne von >45 Minuten nichts zu tun hatte. Plus die 2 Stunden, die man vor dem Boarden am Flughafen sein musste. Aber es gibt ja einiges an Attraktionen hier, um die Zeit tot zu schlagen. Ein Eiswagen zum Beispiel. Ach nee, der hat zu. Dann der kleine Laden mit Süßwaren. Nee, da ist kein Verkäufer drin und ich weiß nicht, was hier auf Diebstahl für eine Strafe steht. Sonst, ja sonst gibt es nichts, außer ein Koffer- und Taschengeschäft..

Flugplatzstrand auf St. Maarten

Ortszeit gegen Mittag sind wir hier gelandet, die Uhrzeit in der Heimat sollte etwa 16:00 Uhr sein. Ganz schön spät.. oder anders ausgedrückt: Dank extrem früher Fahrt zum heimatlichen Flughafen und damit einhergehendem, nicht vorhandenen Schlaf in dieser Nacht bin ich mal wieder seit etwa 30 Stunden wach. Aber ich kann es nicht ändern und ich kann mich auch bei Carina nicht beschweren. Es war meine Idee, nicht direkt nach Curacao weiter zu fliegen, sondern 5 Stunden Aufenthalt in St. Maarten einzuschieben – um eben diesen Flughafen, oder besser, das Rollfeld und den Strand am Rollfeld zu sehen. 5 Stunden zwischen zwei Flügen bedeutet in nutzbarer Zeit nur effektiv 2 Stunden, also ging es nichts wie ab an den Strand. Die Strandbar wäre durchaus ein Ort, um den Tag verwehen zu lassen und bei den Worten des Rastafarian am Mikro seiner Reggaeband, als ein Flugzeug über unsere Köpfe hinweg abhebt ‚Dear passengers of KLM seveneightandfive.. you’ve just missed your flight!‘ stellt sich unweigerlich die Frage.. ach was.. die Gewissheit ein, dass dank dieser Bar am Rande der Karibik und dieser Band am Rande der Bar, schon so mancher Gast im Rum-Rausch seinen Flug verpasst haben wird. KLM 785 wäre tatsächlich unser Flug, hätten wir den direkten Weiterflug genommen, so haben wir aber noch ein paar Minuten Zeit, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Zum Glück war es überhaupt möglich, den Flughafen zu verlassen. So selbstverständlich war es nicht und keine Webseite konnte mir die Information definitiv liefern, geklappt hat es aber dann doch. Für alle, die das auch in Erwägung ziehen: Gepäck durchchecken lassen. Für uns bedeutete dies, dass unsere Rucksäcke von Stuttgart über Amsterdam, St. Maarten (der französische Teil der Insel heißt übrigens Saint Martin) nach Curacao gingen, wir aber zwischendrin raus konnten – mit dem Nachteil, dass man durch die zeitaufwändigen Zollkontrollen muss und am Schluss noch eine Ausreisegebühr von 10 US-Dollar pro Kopf fällig wurde, was ich für schlichte Abzocke halte. Aber die nette Insulanerin hatte auf ihrer Liste auch Gebühren von über 50 Dollar stehen und da will ich mich mal nicht beschweren. Wehren ging sowieso nicht und für das lange Anstehen und die 10 Dollar bekommt man immerhin einen schicken Stempel in den Reisepass.

Zurück zum Steward. Und zum Flugzeug. Dass es etwas älter ist und aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, bezeugen die Aschenbecher in den Armlehnen. Aschenbecher! Heute unvorstellbar, im Flugzeug zu rauchen. Multimediasysteme gibt es natürlich nicht, nicht einmal ein Röhrenfernseher an der Decke oder irgendwo Buchsen, um eventuell vorhandene Kopfhörer hineinzustecken. Nichts dergleichen. Etwas zu essen, zu trinken, ein Kissen oder eine Decke wird es auch nicht geben und es sollte kalt werden über den Wolken, da das Ding auch nicht sonderlich isoliert scheint. Das alles macht ab dem Moment, als uns der Steward unsere Verantwortung erklärt, aber überhaupt nichts mehr aus. Wir konzentrieren uns nun sowieso nur noch auf das Einstudieren der nötigen Handgriffe, um die größtenteils spanisch sprechenden Passagiere im Notfall möglichst schnell zu retten. Das genaue Begutachten der Notausstiege verbessert die Laune nur bedingt. An beiden Türen sind Siegel angebracht, die ein Öffnen der Tür signalisieren. An jeder Tür sind bereits drei gebrochene Siegel und ein intaktes. Bedeutet das, die Maschine ist schon drei Mal runter gekommen?! Das würde damit zusammenpassen, dass die Sitze um den Notausgang herum mit Spax-Schrauben am Boden befestigt sind und man sich dabei keine Mühe gemacht hat, sie in einer geraden Linie anzuordnen, damit eine Sitzreihe entsteht. Wahrscheinlich wurden die Sitze in Panik so oft herausgerissen, dass die Schrauben nicht mehr in den Löchern greifen und man sie deshalb ein bisschen versetzen musste. Egal, wie dem auch sei, wir überleben den Flug und landen nach anderthalb Stunden gesund, aber jetzt todmüde (der Zähler steht bei über 36 Stunden) auf Curacao. Wir sind fast ein bisschen überrascht, dass wir unser Gepäck finden – ich war mir sicher, dass es nicht die 5 Stunden auf St. Maarten gewartet, sondern direkt mit der gleichen Maschine weiter ging und wir es nun umständlich suchen müssten. Aber so ist es uns auch nicht unrecht.

Mittlerweile sind wir schon den sechsten Tag auf Curacao, haben uns mit den Fahrgewohnheiten der Einheimischen angefreundet, beherrschen das Abheben und Bezahlen mit der hier gängigen Währung, können in der Landessprache Papiamentu ‚Guten Morgen‘ und ‚Danke‘ sagen, haben einen Sonnenbrand, reichlich Mosquitostiche und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten besucht.

Willemstad Curacao Harbour

Sich mit den Fahrgewohnheiten anzufreuden, ist nicht schwer. Es gilt für uns normal empfundener Rechtsverkehr, innerorts sollte man 45km/h fahren, außerorts, so heißt es, 60 – 80km/h, je nach Beschilderung. Da es keinerlei Schilder gibt (ein einziges Mal ist mir eines mit ’45‘ aufgefallen, das aber sagte, dass die Brücke nicht mit Fahrzeugen über 45 Tonnen zu befahren sei), bedeutet es die meiste Zeit einfach, mitzuschwimmen. Kommt man an eine T-Kreuzung, hat der durchgehende Verkehr immer Vorfahrt (also der obere Strich des Ts), sonst gibt es nicht viel zu beachten. Außer vielleicht, dass immer alle gleichzeitig fahren und es auch immer irgendwie passt – das funktioniert auch dann, wenn man selber einfach fährt (man würde mit deutscher Fahrweise auch gar nicht aus Nebenstraßen heraus kommen). Überholen darf man auf allen Spuren, was dazu führt, dass die, die es wirklich eilig haben (wenn man von eilig reden kann), im Zickzack die Bahnen wechseln. Wichtiger Hinweis noch am Rande: Es wimmelt von Echsen. Eidechse, Lizard, Iguana, in Größen von Maus- bis Drachengröße, und alle wollen über die Straße. Die kleinen Echsen geben noch richtig Gas, um es lebend über die Fahrbahn zu schaffen, die ganz großen akzeptieren dummerweise ein Auto nicht als würdigen Gegner und bleiben einfach stehen, um drohend mit dem Kopf zu wackeln. Es liegen nicht nur ab und zu tote Reptilien am Rand und spätestens, wenn man im Vorbeifahren den Todeskampf von den angefahrenen Urzeittieren sieht, möchte man selbst auf gar keinen Fall direkt beteiligt sein.

Iguana

Zur Währung: Es gelten die niederländischen Antillengulden. Abgekürzt werden sie auf Preisschildern mit ANG. Es könnte so einfach sein. Ist es aber nicht. Die Gulden werden auch Florin genannt, weshalb statt ‚ang‘ auch ‚f‘ verwendet wird, oder ’naf‘ oder – und das ist schon vor Beginn der Reise unsere Lieblingsabkürzung – ’nafl‘. In unserem eigenen Sprachgebrauch nennen wir sie Naffels, wobei das vermutlich nicht korrekt ist und wahrscheinlich sogar die Holländer verhöhnt (gut so! :)). Um es noch schwerer zu machen, sagt kein Mensch hier ‚Hey, das Bier kostet 3 Florin 50‘, sondern sie sagen ‚gilders‘, was wahrscheinlich holländisch für Gulden ist. Die Währung ist an den US-Dollar gebunden und es gibt einen festen Umrechnungskurs von 1,78. Das heißt, 10 Dollar sind also 17,80 ANG/f/naf/nafl/Naffels. Damit kann man dann den Kurs in Euro bestimmen.. oder man lässt es, was meistens einfacher ist. Grob bekommt man im Moment für einen Gilder etwa 42 Eurocent, d.h. das Dreinaffelfuffzig-Bier gibt’s für rund 1,50 Euro. Gar nicht mal so teuer, da mache ich doch noch eins auf! Es ist übrigens ein Gerücht, dass man hundert Naffels in einen Fraggle wechseln kann!

Südküste von Curacao

Den Sonnenbrand gab es wieder mal gleich zu Anfang – den hat man einfach verdient, wenn man auf keiner Reise etwas lernt und immer wieder auf’s Neue stundenlang in der tropischen Sonne spaziert. Wieder mal der gute alte Trick mit den Wolken vor der Sonne. Wenn man die Sonne nicht sehen kann, kann sie einen auch nicht verbrennen.. klar.. Schnell erkennen wir wieder Mal, dass Wolken und die seit einem Jahr abgelaufene Sonnecreme mit Lichtschutzfaktor ‚Bayrischer Wald‘ die UV-Strahlen in etwa so gut vom Körper abhalten, wie die gleiche Menge der Sonnencreme die Haut vor Gewehrkugeln schützt. Nämlich: Nicht. Aber für’s nächste Mal lernen wir daraus. Ehrlich! Mit dem Wetter können wir uns aber eigentlich nicht beschweren. An jedem Tag war bisher Regen vorhergesagt, und erst ein einziges Mal hat es – nachts – auch wirklich geregnet. Da aber dann so, wie man es in den Tropen kennt – richtig.

Keinen Millimeter groß, sticht aber faustgroße Löcher in den menschlichen Körper!

Aus den Stichen dieser Drecksmosquitos lernen wir zwar, es ändert aber irgendwie nichts. Wieder mal haben wir vor Ort das gute ‚Off‘ (bereits in Costa Rica erfolgreich eingesetzt) gekauft, mittlerweile mit 15% des Wirkstoffs DEET. DEET ist in Deutschland verboten. Warum das so ist, lässt sich beim Lesen der Nebenwirkungen schnell herausfinden. Aber was will man machen? Irgendwo habe ich gelesen, dass es Menschen schon mit Autan in den Tropen versucht haben. Die tropischen Mücken haben aber leider keinerlei Ahnung, was Autan ist und dass sie – eigentlich – das Zeug fürchten müssten und stechen einfach trotzdem. DEET kennen die Mücken hier und wissen, dass damit nicht zu spassen ist. Dafür steht in der (langen) Liste der Nebenwirkungen unter anderem, dass man es nicht auf Lacke sprühen soll, weil es diese löst, es aber sauber über die Haut aufgenommen und über die Leber abgebaut wird und es nur ganz ganz selten zu Todesfällen kommt.

Zu paradiesisch, um wahr zu sein? Richtig, das Grün links und rechts kann tödlich sein..

Naja. Zum Sterben gibt es hier auch wirklich coolere Ursachen. Zum Beispiel der Manchineel-Baum, Englisch auch ‚Little Apple Of Death‘ genannt und spanisch ‚manzanilla de la muerte‘ (wenn ich einen programmieren wollte, würde ich übrigens so einen Virus nennen, der Apple-Rechner infiziert. Und meine erstgeborene Tochter würde ich auch so nennen, wenn ich Spanier wäre und Chancen bestehen, dass sie eine Hexe wird.. ‚Manzanilla!! Komm hoch, Essen fertig! Und bring‘ Schantalle auch gleich mit!‘).

Dieser Todes-Apfelbaum ist wohl ultragiftig (Hier nachlesen bitte. Oder lassen.) und wächst hier überall in der Gegend. Mal sind sie zwar mit roter Farbe markiert, mal aber eben auch nicht. Die Berührung der Blätter, sogar nur die Berührung mit Regen, der die Blätter gestreift hat, führt zu schlimmen Blasen auf der Haut und die Auswirkungen lassen sich beliebig steigern bis zum Tod, wobei man dazu wohl schon länger den Blütenstaub einatmen oder ein lustiges Todesäpfelchen essen muss. Tatsächlich bin ich mir im Moment nicht ganz sicher, ob meine Füße deshalb so übel aussehen und schmerzen, weil ich die vergessen habe, mit DEET einzusprühen oder ob ich in den dämlichen Apfel getreten bin, als wir durch die Wälder gezogen sind.

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Wir leben hier so in den Tag hinein, essen die ganze Zeit Raffaello und trinken Bacardi – was man halt so in der Karibik macht. Der Supermarkt und eine Hand voll Restaurants sind um die Ecke, in 15 Minuten ist man in Willemstad, wo meistens was los ist (eigentlich ist nur dann was los, wenn ein Kreuzfahrtschiff im Hafen liegt – ansonsten ist die Stadt wie ausgestorben), der Mietwagen läuft und die Fenster links und rechts lassen sich öffnen. Was will man mehr?

Zum Schluß noch die Hinweise, die ich zum Thema Rucksackreisen nicht im Internet gefunden habe, wir aber zum Glück trotzdem richtig gehandelt hatten:

  • Curacao eignet sich in keinster Weise zum Backpacking. Trotz, dass die Insel winzig ist, liegen Strände und Sehenswürdigkeiten zu weit auseinander, um sie mit den Bussen erreichen zu können. Als Unterkünfte gibt es viele (teure) Hotels, es gibt einige Appartements, die man relativ günstig mieten kann (in einem solchen Appartement befinden wir uns jetzt – rund 60 Dollar pro Nacht) und es soll wohl eine Jugendherberge geben. Backpacker, Campingplätze oder Hostels gibt es scheinbar keine und man braucht quasi zwingend einen Mietwagen (oder ein Boot.. oder zu viel Geld und ein Taxi auf Abruf).
  • Das Essen ist bestens – bisher kein einziges Mal etwas zu bemängeln und wir dürften mittlerweile fast alle Preisklassen durch haben (bis auf ‚Straßenstand‘ und ‚Edelrestaurant mit angeschlossener Erwachsenenunterhaltung‘).
  • Das Handynetz hier heißt ‚Chippie‘ und funktioniert mit meiner O2-Karte. Dank einer utopischen Rechnung, die ich nach Sri Lanka bekam (hauptsächlich dafür, dass auf die Mailbox gesprochen wurde und ich diese abgehört habe), bleibt das iPhone hier aber im Flugmodus und wird, wenn überhaupt, dann nur via Wifi mit der Welt verbunden.
  • Der Plan, nur zwei T-Shirts und eine Flasche Febreze in den Rucksack zu stecken, hört sich nur im kühlen Deutschland gut an. Gott sei dank bin ich davon rechtzeitig abgekommen, denn es ist hier furchtbar heiß und selbst.. und damit kommen wir zum letzten Punkt..
  • Wenn die Wettervorhersage sagt, es regnet, regnet es nicht (siehe oben).

In diesem Sinne: Bon nochi, ayo!

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