900 Dinge sind 800 zuviel – Tag 3

Tag 3 der Aktion „Sorgenfrei durch radikalen Verzicht irdischen Besitzes“ und das ganze gestaltet sich doch ungleich schwerer als gedacht. Gestern wagte ich nach langem Zögern in der warmen Wohnung einen Blick in die kalte, bis unter die Decke mit Tand zugestopfte Garage und konnte mich auch nach nur wenigen Stunden bis zum bereits erwähntem Karton vorarbeiten. Als aber nach einem letzten Wegblasen der 4cm dicken Staubdecke der Blick auf Kiste und damit auch auf den Bus frei wurde, machte dieser sich sofort mit traurigem Hupen, wie man es vielleicht noch aus den Herbie-Filmen kennt, und dem Einschalten des Radios (mit eindeutigem Titel) bemerkbar und wollte mir damit ohne jeden Zweifel klar machen, dass ich noch immer nicht seine Batterien abgeklemmt habe und er ohne diese Aktion im Frühjahr ziemlich sicher nicht wieder starten und damit unserer Beziehung einen Hieb verpassen würde, von dem ein Erholen meinerseits nicht im Bereich des Denkbaren läge.

Wer John Carpenters ‚Christine‘ gesehen hat, der weiß natürlich, dass man ein Auto besser ernst nimmt, wenn es einem mit Hilfe des Radios etwas sagen will – möchte man nicht 90 Minuten später qualvoll sterben. Und auch sonst: Wenn ein Bus irgendwo auf der Welt meine Hilfe braucht… nein, anders, das geht so nicht, so kommt keine Stimmung auf. Jetzt bitte erst mal in einem anderen Tab diesen Link öffnen, dann zu Zeitindex 1:58 springen und erst jetzt weiterlesen. Fertig? Gut. Ach so, stellt euch vielleicht noch vor, ich hätte so einen Kampfpilotenanzug inkl. passender Brille an, während ich, leicht erhöht auf zwei übereinander gelegten Autoreifen vor einer Menschentraube stehend, folgendes sage (natürlich nicht mit meiner Stimme, sondern mit der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten im Film Independence Day, als er zum Gegenangriff gegen die Außerirdischen aufruft). Hinter mir eine wehende VW-Flagge.

Solange irgendwo auf der Welt EIN Bus schlecht behandelt wird, solange EIN Bus bei gesalzten Straßen fahren muss, ohne vorher mit Mike-Sanders-Fett geschützt worden zu sein. Solange EIN Bus als Lasttier missbraucht wird, Baustellenmaschinen transportiert und Menschen mit matschigen Schneestiefeln einsteigen. Wenn bloß EIN Bus im kalten Zustand über 3000 Umdrehung gedreht wird, EIN Bus mit 50-Diesel-PS einen Wohnwagen ziehen muss, nur EIN Unwissender Baumarkt-Öl in sein Herz gießt. Solange NUR EIN Bus auf diesem Planeten von dicken Menschen bewohnt wird, die zur Schiebetüre heraus Eis verkaufen – oder von dünnen mit ihrem Obst und Gemüse. Solange werden ich und meine Männer nicht ruhen, solange werden wir nachts das Firmament nach Lichtkegeln  absuchen, die das Hella-Logo in der Mitte tragen, solange werden wir Nacht für Nacht ausziehen, Gerechtes tun, entrosten, versiegeln und grundieren.

Die Musik geht aus, 10 Sekunden drückende Stille, dann beginnt in der vorletzten Reihe meiner zuhörenden Passanten (und das sind in dem Industriegebiet, in dem meine Garage steht, immer ganz schön viele) jemand langsam, aber deutlich zu klatschen. Ein Zweiter steht auf und klatscht, dann ein Dritter, der Vierte jubelt laut los, bis sie alle nicht mehr innehalten können und in tiefer ehrlicher Freude unter ständigen Bus-Bus-Bus-Sprechchören die ersten Tränen fließen. Ein paar zücken auch ihre Waffen und schießen voller Enthusiasmus in die Luft (und das ist in diesem Industriegebiet durchaus denkbar – ganz im Ernst).

So ganz funktioniert der Plan selbstverständlich noch nicht, da der Lichtkegel eines VW-Busses wohl nur dann im Nachthimmel erkennbar wird, wenn die Lichtmaschine unter Vollgas läuft und im Umkreis von einem Kilometer auch garantiert kein Kind mit seiner selbst gebastelten „Ich-geh-mit-meiner-Laterne“-Laterne unterwegs ist und es mit dieser Lichtverschmutzung unmöglich macht, die hinter Milchglas verbaute H4-Glühbirne zu entdecken. Obwohl, selbst wenn alles passt, wird es schwierig. Wahrscheinlich würde man ein Buslicht nicht mal erkennen, wenn es einem aus 200m Entfernung direkt ins Gesicht strahlt…

Zurück zum Thema (das ich, wenn ich es so zurückblickend betrachte, bereits im dritten Satz verloren habe…). Das Ziel war ja eigentlich der Riesenkarton, mir wurde jedoch, als ich dann davor stand, ziemlich schnell klar, dass ich diesen ohne zugelassenen Bus niemals in die Wohnung schaffen könnte. Ihn mit dem Motorrad zu ziehen, würde zwar in der Theorie funktionieren, in der Praxis scheint es aber ein wenig abwegig. Wobei es mich schon gereizt hätte, das Motorrad auf der freigetauten Mittelspur der Straße zu bewegen und den Karton seitlich versetzt schlittenähnlich im Schnee mitgleiten zu lassen. Ich mag es irgendwie, wenn die Nachbarn mit Fotoapparaten ans Fenster rennen.

Um es abzukürzen, ich habe mich also für mehrere Kartons und Kisten kleineren Ausmaßes entschieden, die viele wertvolle Computer-, Audio- und Videokabel enthielten. Und ‚enthielten‘ als Vergangenheitsform ist korrekt, weil sie nun größtenteils leer sind. Den Inhalt konnte ich nach langer, kräftezehrender Entscheidungsfindung aufteilen in „behalten“, „Müll“ und „Verschenken“. „Verkaufen“ gibt es hier nicht, da es als Komplettpaketverkauf keiner haben will und ein Einstellen als einzelne Artikel viel zu nervig und langwierig ist. „Behalten“ und „Müll“ ist klar, das „Verschenken“ fahre ich nun seit heute im Kofferraum herum und frage jeden, der mir über den Weg läuft, ob er nicht noch ein schönes Parallel- oder sogar ein USB-Kabel brauchen kann. Das funktioniert bisher ganz gut und noch ist im Kofferraum Platz genug.

Als Fazit bleibt am Ende des dritten Tages: Bestimmt 100 Teile weniger, als ich noch am Freitag besaß, sorgenfreier bin ich deshalb aber nicht. Aber ich hab‘ ja eh keine Sorgen, insofern ist alles wie immer – nur dass mich das Gefühl nicht loslässt, dass ich morgen – aus welchem Grund auch immer – ein PS/2-Tastaturkabel oder ein serielles SIM-Kartenlesegerät brauche, was nun alles im Müll liegt. Weitere Erkenntnis: Ich lass‘ mich gerne und einfach ablenken, wenn es um interessantere Dinge, wie zum Beispiel Fahrzeuge geht. Die Batterien habe ich übrigens auch nicht abgeklemmt. Mach ich morgen. Ganz bestimmt. Es sei denn, es kommt was dazwischen.

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